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Bericht des Vorstands - Rückblick 2020/21                      

von Christoph Thoma

 

     

Liebe Mitglieder des Vereins Kulturwelt Marktoberdorf e.V. 
Liebe Mitvorständ*innen,

 

Alle Kultur ist Erweiterung unseres Bewusstseins. 

 

Ein Satz von Carl Gustav Jung, Psychiater, Gründer der analytischen Psychologie.  

Doch was passiert, wenn der Kulturbetrieb auf 0 heruntergefahren werden muss? Kein Konzert mehr, kein Theater, kein Kino… Was macht das mit einer ohnedies auf Egoismus gebürsteten, hochgradig unsozialen Gesellschaft?

Was macht das mit uns?

Das Lesen ist uns geblieben, ja, zum Glück. Und da haben wir dann „Die Pest“  im Bücherschrank gesucht oder uns mit der „Spanischen Grippe“ herumgeschlagen, zusätzlich zu Corona. Als einzig vergleichbare Phänomene.

Bei Albert Camus heißt es: "Jeder weiß, dass Pestilenzen in der Welt immer wieder auftreten, aber irgendwie fällt es uns schwer, an solche zu glauben, die von einem blauen Himmel auf unseren Kopf fallen. Es gab so viele Plagen wie Kriege in der Geschichte, aber Plagen und Kriege überraschen die Menschen immer gleicher-maßen!“ Wie wahr, oder?

Keiner von uns hätte sich vorstellen können, dass wir zwei Jahre lang in den Armen einer Pandemie gefangen sind. Und dass sie die Gesellschaft spaltet.

Ich bin der Meinung, dass unsere Politiker – ganz allgemein gesprochen – sich in bemerkenswerter Weise klug um uns gekümmert haben. Dass die Allianz der Vor- und Rücksicht dann unter dem Bundestagswahlkampf gelitten hat, war abzusehen. Und natürlich hätte in der Rückschau – mit dem Wissen von heute - so Manches anders, vielleicht auch besser laufen können.

Und ich bin erschüttert, über die – gerade auch bei uns im Allgäu – hohe Zahl von Impfverweigerern, von komischen Esoterikern und – um es ganz klar zu sagen – krassen Egoisten, die jede soziale Verantwortung für die Freundin, für den Nachbarn, für die Bürgergemeinschaft und letztlich auch für den demokratischen Sozialstaat in dem wir leben dürfen, ablehnen.

Ich war kürzlich in einer Runde von Menschen mit Vorbildfunktion und Verantwortung für Kinder. Es war von der Drei-G-Regel die Rede: Geimpft, Genesen, Getestet. Und da sagte eine Teilnehmerin wörtlich: „Was mache dann ich? Ich bin weder genesen noch geimpft und schon gar nicht getestet. Das mache ich aus Prinzip nicht. Weil in den Stäbchen, da ist ja irgend sowas drin!“

Um ganz ehrlich zu sein, bei so viel Dummheit und Ignoranz fällt mir nichts mehr ein. Vor allem, wenn ich bedenke, wieviel Aufwand wir alle betrieben haben und weiters betreiben, um gesund zu bleiben und unsere Mitmenschen zu schützen. Wieviel Belastung mussten Musiker, Konzertveranstalter, Kinobetreiber*innen und auch Kulturvereine, wie der unsere, auf sich nehmen, um als verantwortungsbewusste Teile der Gesellschaft dazu beizutragen, die Pandemie einzudämmen.

Inzwischen sind die Lichtspiele in unserem Lichtspielhaus „Filmburg“ wieder eröffnet. Und die „Lust auf Musik“ ist neu erwacht. Selbstverantwortliches Handeln ersetzt immer öfter die Maskenpflicht. Und auch Urlaub, Ferien, Reisen sind bedingt wieder möglich. Es sieht so aus, als ob – vor allem auch Dank der Impfungen – das Virus zurückgedrängt werden könnte. Doch die Inzidenzen steigen wieder. Und ob wir je wieder so unbefangen Händeschütteln und Türklinken anfassen werden, wie vor Covid, das wage ich zu bezweifeln. Aber das ist auch nicht so wichtig.

Meine Damen und Herren, es ist überhaupt nicht selbstverständlich, dass wir hier in Marktoberdorf so viele ganz unterschiedliche Kultur-Veranstalter haben, und so viele Orte der Kultur. Kürzlich hat unsere Schriftführerin Luci Golda von Monika Schubert das „mobilé“ übernommen, ein mutiger und verantwortungsvoller Schritt in dieser Zeit! Und Monika Schubert bleibt Antrieb und steter Motor für die „Filmburg“. Die „Kulturwelt“ wird beiden Institutionen auch weiterhin hilfreich zur Seite stehen. 

Wir haben Anfang November. Bald wird es Winter. Aber - allmählich kommt vorsichtig auch das Vereinsleben wieder in Gang. Überall in der Stadt. Große Aufführungen im „Modeon“ sind auch wieder geplant. Konzerte, Lesungen. Matineen. Und so erscheint mir die Jahresversammlung des Vereins „Kulturwelt Marktoberdorf e.V.“ ein bisserl wie das Frühlingserwachen. Es blühen Blumen im November.

Wie sagt C. G. Jung: Alle Kultur ist Erweiterung unseres Bewusstseins.                                                   

Das Wirken der Kulturwelt    
Unsere allerliebste Aufgabe in der inklusiven Gesellschaft unserer kleinen Stadt, das ist die Veranstaltung, Vernetzung und Verdichtung kultureller Angebote. Wir setzen in Szene, stoßen an, geben weiter, kreieren und moderieren. Wir fordern und fördern. Wir erheben die Stimme und setzen uns ein, wenn es – wie gesagt – darum geht, wertvolle Institutionen wie das „mobilé“ oder die „filmburg“ zu unterstützen.

Unsere Idee, unsere Vorstellung von einer lebendigen, engagierten „Kulturwelt“ zwischen Kurfürstlichem Schloss und Kuhstallweiher ist es, über Sponsoring und die Bereitstellung von finanziellen Mitteln hinaus die Menschen dieser Stadt zusammen zu bringen, Jung und Alt, Frau und Mann, hier lang dahoim, wie Kommissar Kluftiger sagen würde, und verwurzelt oder mit Migrationshintergrund, und Verbindungen zu schaffen. Das ist übrigens auch Heimatliebe. Die Ausgestaltung des eigenen Nests.

Was für Politik und Gesellschaft ganz allgemein gilt, das trifft für unseren kleinen Verein im Besonderen zu. Für unsere kleine, feine und mitnichten enge „Kulturwelt Marktoberdorf“. Ich schätze mich sehr glücklich, dass ich in einem so ambitionierten, funktionierenden und harmonisch zusammen wirkenden Vorstand arbeiten kann. Auf freundschaftlicher Basis. Ich danke Lucia Golda, Harald Rüschenbaum und Rolf Kramer für ihr großartiges Engagement, für ihre Präsenz und für ihre guten Ideen.

Die Jahre 2020 und 2021 sind unter der Corona-Tarnkappe zumindest nach außen hin eher ruhig und unspektakulär verlaufen, waren aber dennoch nicht ereignislos und – Arbeit hatten wir auch. Ich will stichwortartig davon erzählen, was den Verein „Kulturwelt Marktoberdorf e.V.“ in den letzten Monaten umgetrieben hat. Und ich nehme das Fazit vorweg: wir haben – vielleicht eher im Verborgenen – Vieles zum Blühen gebracht. Ich möchte es bei einer stichwortartigen Aufzählung bewenden lassen.   

Eckpfosten im Jahreskreis sind eigentlich unsere beliebten Open-Stage-Konzerte „Lust auf Musik“ hier im „mobilé“ oder auch in der „filmburg“. Diese weitum beliebten Sonntagabende konnten - unter besonderen Vorsichtsmaßnahmen - wenigstens ein paarmal stattfinden, genauso wie die charmanten „Hofkonzerte“ vor dem „mobilé“, die von der „Kulturwelt“ unterstützt wurden. Beides wäre ohne die unnachahmlich taktvoll integrative Art von Harald Rüschenbaum nicht möglich

Unsere Schriftführerin Lucia Golda hat ja dankenswerter Weise für diese Vereinsver-sammlung wieder einen Pressespiegel zusammengestellt, aus dem u.a. hervorgeht, dass wir „Petersburger Tage“ veranstalten wollten. Die Verbindung Marktoberdorf-St. Petersburg ist eng und ein Jubiläum hätte es auch gegeben. Wir mussten alle unsere Ideen zurückstellen. Aber – wir geben nicht auf. Das Thema bleibt auf der Agenda…

Von Kindern für Kinder – unter diesem Motto haben mehrere Jahrgänge der Don-Bosco-Schule Marktoberdorf im Rahmen des inklusiven Nachmittagsunterrichts Texte erstellt und Bilder gemacht, die der Verein „Kulturwelt Marktoberdorf“ nun gebündelt und allen Kinder zugänglich gemacht hat.

 

Federführend waren bei der Recherche die „Don-Bosco-Reporter-Kids“ und die „Don-Bosco-Heimat-Scouts“. Als Partner konnten die Stadt Marktoberdorf, die Don-Bosco-Schule und die Marktoberdorfer Stadtführer gewonnen werden. Und so ist der Kultur-Führer für Kinder und Jugendliche auch auf den Internet-Seiten der Stadt online und es gibt ihn als gedruckte Ausgabe – ein dickes Heft bzw. ein kleines Buch, das auch vielen älteren Menschen in der Stadt große Freude macht.

 

Wir haben die Hefte bewusst auch in die Altenheime der Stadt gebracht und bei den Senior*innen große Freude ausgelöst.

 

Und in Planung ist als Projekt mit der „Malschule“ im „mobilé“ ein ganz anderer „Kinder-Kultur-Führer“, dann wirklich für die kleinen Kinder… die ganz kleinen.

 

Apropos klein: Dass wir als kleiner Verein das Projekt stemmen konnten bzw. weiter können, verdanken wir der Stadt Marktoberdorf, die einen Teil der Auflage aufgekauft hat, um den „Heimat-Scout-Führer“ auch Feriengästen zur Verfügung zu stellen und – vor allem der Sparkasse Allgäu, die uns sowohl 2020 wie auch 2021 jeweils mit namhaften Beträgen nachhaltig unterstützt hat. – Dankbar sind wir auch für mehrere Spenden, zum Teil wirklich große Summen, die uns anspornen und bestätigen.

 

Handelnde Personen und Partner in Sachen „Heimat-Scouts“ waren Monika Schubert, Lucia Golda, Philipp Heidrich von der Stadt, Norbert Köser mit den Gästeführern und Jürgen Hafner, an der Don-Bosco-Schule zuständig für die Organisation des Inklusiven Offenen Ganztags.

 

Vielleicht kann ja heuer der Weihnachtsmarkt wieder stattfinden. Im letzten Jahr beteiligte sich die „Kulturwelt“ alternativ an der Inszenierung „Kultur-Schau-Fenster“ im Emmi-Fendt-Haus. Da war dann vor einer bunten Theater-Kulisse auf leeren Stühlen u. a. zu lesen: „Reserviert für…“ „Das Null-Kalorien-Plätzchen“ oder auch „Dieser Platz ist noch frei“.

 

Sinn der Aktion war es, auf die coronabedingt überaus schwierige Lage aller Kulturschaffenden in der Stadt hinzuweisen und gleichzeitig – die immer noch vorhandene Vielfalt zu demonstrieren. Stichwort: „Es gibt uns noch!“

 

Dass wir als ‚“Kulturwelt“ auch „Musica Sacra“ wieder unterstützt haben, das Festival fand ja auch unter besonderen, „anderen“ Umständen statt, ist selbstverständlich.

 

Zuletzt haben wir als „Kulturwelt“ das „mobilé“ in dramatisch prekärer Zeit unterstützt – z. B. als für ausgefallene Stunden Kursgebühren zurückbezahlt werden mussten. Und wir waren erst kürzlich als Kooperationspartner am Event-Schauspiel mit Klaus Philipp vom Landestheater Schwaben in der „filmburg“ beteiligt. Oft verschoben, endlich doch noch möglich.

 

Es ist wieder was möglich.

Meine Damen und Herren, ich komme zum Schluss.                                                             

Meine Glückwünsche gehen noch ganz offiziell an Lucia Golda, die vor wenigen Wochen die Geschäftsleitung im „mobilé“ von Monika Schubert übernommen hat. Dass wir als Verein damit leider unsere Schriftführerin verlieren werden, ist ein kleiner Wermutstropfen.

Ich gratuliere aber auch Monika Schubert: zu 38 Jahren „mobilé“, zu 20 Jahren „filmburg“ und zu all den verdienten Würdigungen und Ehrungen, die sie in jüngster Zeit erfahren hat. Ich zitiere nur zu gern aus der „Allgäuer Zeitung“: „Monika Schubert – Ein kultureller Leuchtturm im Ostallgäu!“

Die „Kulturwelt“ will den kulturellen Reichtum unserer Stadt bewusst machen. Das ist Ehre und Verpflichtung. Wir können stolz darauf sein. Aber der Acker will auch weiter bestellt sein. Die „Kulturwelt“ wird – mit Unterstützung ihrer Mitglieder*innen auch künftig lose Enden miteinander verknüpfen, Schaltkreise schließen, Verbindungen herstellen und das Kulturgeschehen mitgestalten. Wie schon öfter gesagt, wir wollen moderieren, vernetzen, anstoßen, unterstützen.

In einem Gedicht von Joseph Beuys, auf das ich erst kürzlich gestoßen bin und das mich überrascht und beeindruckt hat, heißt es: 

„Mache kleine Zeichen, die Ja sagen und verteile sie überall im Haus. Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit. Freue dich auf Träume. Weine bei Kinofilmen, schaukle so hoch du kannst…glaube an Zauberei, lache eine Menge…zeichne auf die Wände… unterhalte das Kind in dir… schreibe Liebesbriefe!“

Liebe Mitglieder*innen der „Kulturwelt Marktoberdorf“, über Konkretes, Neues genau in diesem Sinn, darf ich Sie etwas später in meinem Ausblick auf das Jahr 2022 informieren.

Mit dem Dank an meine Vorstandskollegen für die geleistete Arbeit und das ehren-amtliche Engagement schließe ich den Bericht des Vorstands über das abgelaufene Vereinsjahr und bitte unseren Schatzmeister Rolf Kramer um seinen Kassen- bzw. Finanzbericht.